Hintergrund

 
 

 

Einmal Kanada und zurück

Reiseimpression der flotten Art

"I haven't had salmon since breakfast" – der Ausspruch von Janice Billy wurde zum geflügelten Wort, das uns, d.h. meinen Bruder und mich, auf der Reise durch Kanada begleiten sollte. In der Tat gehört getrockneter Lachs zu den kulinarischen Höhepunkten unserer dreiwöchigen Tour de force im Mai, die uns von Kanada über die USA zu einem zweitägigen Erholungstrip nach Mexiko führen sollte. Doch zurück zum Anfang. Der nachfolgende Bericht soll unseren Lesern einige der persönlichen Eindrücke vermitteln, die wir während unserer Reise von 7.000 km sammeln konnten – insbesondere in unseren Zusammentreffen mit jenen Indianern, die im Zentrum unserer Reportagen stehen.

"Wieder sitze ich in einem kleinen Flugzeug..." – So begannen, wie sich mancher Leser vielleicht noch erinnern kann, die mehrfachen Reisebrichte eines früheren AGIM-Mitglieds. Nun, ich saß nicht in einem kleinen, sondern ziemlich großen Flugzeug, eingequetscht natürlich ausgerechnet in der Mitte von sieben Sitzen, auf dem Weg nach Kanada. Nach einem – für eine bekennende Raucherin – reichlich langen Flug von München nach Vancouver waren wir kaum angekommen, als wir – unverbesserliche Buchsüchtige – schon in den nächsten Buchladen stürzten und die Indianerabteilung aufsuchten. Vancouvers Buchläden und Antiquariate haben auf diesem Sektor reichlich zu bieten und wir konnten uns nicht zurückhalten, unser Gepäck sofort um eine stattliche Kilozahl Bücher zu bereichern. Einiges davon wird sich auch in unseren Artikeln wiederfinden, u.a. das Werk der indianischen Autorin Pauline Johnson, einer Pionierin indianischer Literatur im 19. Jahrhundert, im nächsten Heft. Interessanterweise bereichern derzeit viele aktuelle Bücher die kanadischen Verkaufsregale, welche sich mit den jüngsten Gerichtsentscheidungen wie Delgamuukw und die Frage der Souveränität bzw. ihrer verfassungsrechtlichen Implikationen auseinandersetzen. Sicherlich handelt es sich hierbei nur um einen Teilbereich der politischen und juristischen Sachliteratur, doch läßt sich daran ein gesteigertes Bewußtsein für diese brennenden Fragen in der kanadischen Öffentlichkeit ablesen, das wenige Jahre zuvor vorrangig Experten vorbehalten schien.

Kaum war das intellektuelle Bedürfnis gestillt, drängte es uns schon zu Taten: Eingebettet zwischen der Vancouver Art Gallery mit ihren teils indianischen Exponaten und dem Gerichtsgebäude – also durchaus ein treffender Ort – fand eine Demonstration gegen das Treaty Referendum der Provinzregierung von British Columbia statt (vgl. Artikel in Coyote 1/01 sowie in diesem Heft). Obwohl die Zahl der Teilnehmer eher gering ausfiel, überraschte uns die starke Präsenz der Medien, die mit Kameras und Mikrofonen ausgerüstet den Reden der verschiedenen indianischen Vertreter große Aufmerksamkeit schenkten. Das Referendum, das zu diesem Zeitpunkt noch in vollem Gange war, erregt(e) nicht nur die indianischen Gemüter. Viele Weiße – Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen, Umweltschützer und auch "normale" Bürger – unterstützen den Protest der indianischen Gruppen gegen diese einmalige Briefwahl über die indianischen Vertragsrechte, mit der sich Gordon Campbell, der Premier der Provinz British Columbia, über seine konstitutionellen Pflichten hinwegsetzen und aus der Verantwortung stehlen will. Überall in Vancouver finden sich Plakate gegen das Referendum, Aufkleber zieren Autos und Veranstaltungen informieren über das Thema, das hohe Wellen in der Presse schlägt. Eine treibende Kraft im Protest gegen das Referendum ist die UBCIC, die Union of British Columbia Indian Chiefs – doch davon später. Denn schon mußten wir weiter.

Bei unserem straffen Zeitplan war längeres Verweilen leider nicht möglich, denn wir wollten am gleichen Tag noch Janice Billy treffen, eine der wichtigen Widerstandskämpferinnen gegen den geplanten Ausbau des Skigebiets von Sun Peaks. Nachdem wir uns in Kamloops – einem ziemlich langweiligen Provinzstädtchen – getroffen hatten, folgten wir mit unserem Camper Janice‘ Pick-up über einige gewaltig rauhe Pisten, die der Federung unseres Wohnmobils heftig zusetzten, zu ihrem Haus nahe Chase. Umgeben von typisch kanadischer Landschaft mit Bergen, Wäldern und Flüssen haben Janice und ihr Mann sich ein geräumiges und sehr gemütliches Holzhaus errichtet. Da ihre Kinder gerade bei Freunden weilten, war zudem reichlich Platz für Übernachtungsgäste, doch wer schon mal bei Indianern zu Besuch war, weiß, dass sich ohnehin immer ein Plätzchen findet und man sich ganz der Gastfreundschaft der Indianer überlassen kann. Ohnehin fühlte ich mich sofort heimisch, schlief ich doch unter der gleichen Mohawkflagge, die auch unser Büro ziert, seit Kenneth Deer uns die Flagge als Dank für eine Soli-Demo zu Oka 1990 geschenkt hatte. Im Zimmer von Janice‘ Tochter, in dem ich übernachtete, begegneten mir natürlich weitere vertraute Gegenstände: Protestplakate, Bücher über indianischen Widerstand, Black Panther und COINTELPRO etc.

So gastfreundlich, wie wir empfangen wurden, ging es am nächsten Morgen gleich weiter. Janice, eine herzliche und tatkräftige Shuswap von der Adams Lake Band, war natürlich längst vor uns aufgestanden und begrüßte uns mit einem opulenten Frühstück, das nichts zu wünschen übrig ließ: Kaffee in rauhen Mengen, Forelle, Kartoffeln, Eier, Obst aus dem Okanagantal und vieles mehr. Zudem trafen wir auf eine illustre Schar an weiteren Frühstücksgästen, denn – wie üblich in indianischen Haushalten – nahm das Kommen und Gehen kein Ende. Klar, dass darunter auch einige "Bekannte" zu finden waren. Wolverine – der Name dürfte einigen Lesern ja ein Begriff sein – berichtete ausführlich von seinen Erlebnissen beim Aufstand in Gustaffson Lake und seiner Verhaftung, während uns Flora vom Leben der Shuswap erzählte.

 

Reichlich gesättigt brachen wir mit zwei

Autos zum Protest-Camp der Shuswap auf. Auf dem Weg dorthin legten wir eine kurze Pause an der ehemaligen Residential School ein, ein großer Backsteinbau, der gleich neben dem Secwepemc-Museum liegt, um kurz bei einem Flohmarkt vorbeizuschauen. Janice liebt Flohmärkte und die Gelegenheit war günstig, gleich noch ein paar Kuchen als Mitbringsel für die Leute im Protestcamp zu besorgen. Unterdessen erzählte uns Janice noch einiges über die damaligen Verhältnisse in der Residential School, die auch Arthur Manuel in seiner Kindheit besucht hatte. Wie bei den meisten vergleichbaren Einrichtungen in Kanada oder den USA handelte es sich dabei weniger um eine pädagogische Einrichtung als vielmehr ein Arbeits- und Umerziehungsinternat für indianische Kinder.

Frisch versorgt fuhren wir an Sun Rivers, einer langweiligen Eigenheimsiedlung und Teil der Investmentpläne der Region, vorbei weiter zum Skwel’wek’welt Protection Centre, einem kargen Zelt, das uns jedoch im Inneren anheimelnde Wärme gegen die scharfe Kälte und den Schnee draußen bot. Doch auch hier blieb zum Verweilen wenig Zeit, denn unser nächstes Ziel war Sun Peaks, so dass wir mit Janice, während ein Teil der Gruppe zurückblieb, nach kurzer Zeit wieder aufbrachen.

Der erste Weg führte uns in den örtlichen Gift Shop, einem Souvenirladen, der reichlich indianisches Kunsthandwerk u.ä. feilbietet. Wir dachten, dies sei ein guter Anfangspunkt, um gleich ein paar Leute vor Ort nach ihrer Meinung zum geplanten Ausbau bzw. dem bestehenden Skibetrieb zu fragen. Doch kaum wurde die Verkäuferin der Anwesenheit von Janice gewahr, wollten sie sich keinesfalls zu dem Thema mehr äußern – kein Kommentar. Die gleiche Antwort erhielten wir überall, wo wir fragten, ja, wir sollten uns doch an die offizielle Pressestelle oder Darcy Alexander wenden. Mehr Auskunft gab es allerdings unerwartet im Sun Peaks Office von Remax, dem Immobilienbüro des Unternehmens! In der – nicht ganz zufällig – fälschlichen Annahme, mein Bruder Ludwig sei ein Interessent und potentieller Investor, verplapperte sich der Angestellte Bill Hanrahan und prahlte mit den neuen Erweiterungsplänen, die weit über das hinaus gehen, was bislang an die Öffentlichkeit gedrungen war und die Betreiber gerne noch ein wenig länger geheim gehalten hätten. Ein voller Coup! Geplant ist eine Erweiterung der Anlage auf das Fünffache (siehe Artikel im Heft), was das Ausmaß der Zerstörung beträchtlich erhöhen würde. Die Nachricht war ein ziemlicher Schock für alle – nicht nur für Janice, der wir sofort die Erweiterungspläne zeigten. Wir nutzten noch schnell die Gelegenheit, bei Nancy Greenes Cahilty Lodge vorbeizuschauen. Greene, die als ehemalige Skisportlerin in Kanada eine ähnliche Berühmtheit genießt wie hierzulande ein Franz Beckenbauer, hat als vehemente Befürworterin und Investorin in Sun Peaks ein eigenes Hotel errichtet. Wie unsere Leser aus der letzten Ausgabe des Coyote ja wissen, haben wir uns an alle deutschen Reiseveranstalter, die Sun Peaks in ihrem Programm haben, gewandt, um sie auf die Situation in Sun Peaks und die Landrechte der Secwepemc aufmerksam zu machen, und sie aufgefordert, keine weiteren Reisen nach Sun Peaks anzubieten. Diese haben wir erneut angeschrieben und die Briefe – mangels Postamt in Sun Peaks – nun ironischerweise ausgerechnet im Hotel von Nancy Greene aufgegeben. Wenn die Rezeptionisten nur gewußt hätte, welche Briefe wir dort im Hotel aufgegeben haben, wer weiß...?

Nachdem wir unsere Aufgaben in Sun Peaks erledigt hatten, fuhren wir zum Protection Centre zurück, um den Rest der Gruppe einzusammeln und zum Haus von Arthur Manuel aufzubrechen. Zusammen mit seiner Frau Bev betreibt Art eine ESSO-Tankstelle im Neskonlith Reservat – die Skaheesh-Tankstelle. Skaheesh ist das Shuswap-Wort für Grizzley, aber auch der Name von Arts Sohn, den wir später noch treffen sollten. Wie schon bei Janice wird auch Arts Haus, das den typischen indianischen Bedürfnissen und Gepflogenheiten entspricht, dominiert von einem großen Gemeinschaftsraum, der Küche, Esszimmer und Wohnzimmer in einem ist und ständig vorbei kommenden Gästen offen steht.

Als wir eintrafen, war Bev gerade bei der Vorbereitung eines mehr als üppigen Abendessens, zu dem wir nicht die einzigen Gäste waren. Neben Janice und uns war auch Wilson da, der den Lachs gefangen hatte, den wir zu Abend speisen sollten, und ein paar Kinder und Jugendliche bevölkerten das Haus. Zudem waren Mike Retasket, der Chief der Bonaparte Band, und seine Frau zum Essen geladen. Nachdem wir uns einander vorgestellt hatten, zeigten wir natürlich auch den Coyote herum und es stellte sich heraus, dass Mikes Urgroßvater in unserem Coyote abgebildet war, denn er gehörte zu einer Gruppe von Chiefs, deren Photo von 1910 wir in unserem letzten Heft veröffentlicht hatten. Wenn das kein Zufall ist?!

Nachdem endlich auch Art eingetroffen war, setzten wir uns zu Tisch und tauschten uns über die jüngsten Ereignisse aus. Art war geradewegs vom Flughafen in Vancouver gekommen und noch ein wenig erschöpft vom Rückflug aus Europa. Bei Lachs, Hirsch und allerlei anderen Delikatessen erzählte er von den Gesprächen auf der Biodiversity-Konferenz, an der er zuvor in Den Haag teilgenommen hatte, wie auch von den Entwicklungen bei der WTO, wo Kanada wegen der Holzsubventionspolitik in der Kritik ist. In einem "amicus curiae"-Verfahren wollen die Indianer gegen die Kahlschlagspolitik Kanadas protestieren und verweisen darauf, dass sich Kanada wettbewerbswidrig verhält, indem die gesamte Holzindustrie staatlich subventioniert ist. Mächtige Unterstützung erhalten sie dabei ironischerweise ausgerechnet von den USA, die ja bekanntermaßen auch nicht gerade Saubermänner der Umwelt- und Menschenrechtspolitik sind. Art jedenfalls war mit seiner Mission sehr zufrieden.

Nach dem Essen konzentrierten sich unsere Gespräche vor allem auf Sun Peaks und die Entwicklungen seit der Zerstörung des Protestcamps am 10. Dezember letzten Jahres. Wie sich einige vielleicht erinnern können, veranstalteten wir daraufhin am 06.01. ein Benefizessen, dessen Erlös dem Wiederaufbau des Protestcamps bzw. der Hütte zugute kommen sollte. Wir nutzten daher den Augenblick, um Janice zu diesem Zweck 1.000 Dollar in die Hand zu drücken und damit unseren Beitrag für den Widerstand der Secwepemc zu leisten. Im Namen der Shuswap sei hier nochmals allen gedankt, die unsere Arbeit und damit den Widerstand der Indianer unterstützen. Die Situation ist weiter sehr hart und die Shuswap brauchen jede Unterstützung, die sie erhalten können, um Sun Peaks zu stoppen. Auch für Arts Familie ist die Situation schwierig, denn es bestehen immer noch Haftbefehle gegen seine Töchter, die sich aktiv gegen die Zerstörung des Landes und die Mißachtung der indianischen Rechte engagieren.

Den Abend ließen wir auf dem Sofa lümmelnd ausklingen. Wir schauten uns diverse Videos zum Widerstand der Secwepemc an, darunter auch die Konfrontationen mit der RCMP und das Niederreißen der Hütte. Arts Sohn Skaheesh und seine schweizerische Freundin Nathalie gesellten sich noch zu uns, während Art von seinen Erlebnissen im Internat erzählte. Für die meisten Indianer, die diese Erfahrungen erleben mußten, sitzt die Erinnerung an die Diskriminierungen, den Hunger und die Gewalt während dieser Zeit tief in Seele und Gedächtnis. War schon die Existenz als Indianer geradezu ein Verbrechen, wurde jedes kleinste Vergehen hart bestraft. Nur die Unterstützung der eigenen Familie und Gemeinde kann die Schmerzen der Trennung und Unterdrückung, die Ungerechtigkeit und die Verletzungen lindern. Oft wurde Arts Vater, George Manuel, beim Schulleiter vorstellig, doch das System ändern konnte natürlich auch er nicht. Viele dieser Erlebnisse kommen in den Gesprächen erst zaghaft in vertrauten Gesprächen zum Ausdruck, da es erst eines Prozesses des Selbstbewußtseins und der Identitätsfindung bedurfte, bevor die meisten Indigenen die schrecklichen Erfahrungen nicht mehr als eigenes Versagen, sondern als Teil eines rassistischen Systems wahrnehmen konnten. Erst in den letzten Jahren haben sie begonnen, sich auch literarisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, um das Trauma zu überwinden (vgl. Artikel zu Audrey Huntley in diesem Heft).

Am nächsten Morgen besuchten wir zunächst das Secwepemc-Museum und besichtigten auf dem eisigen Freigelände die traditionellen Häuser und Bauten der Shuswap. Interessanterweise, so die Mitarbeiterin des Museums, kommen sehr viele Besucher aus Deutschland ins Museum. Nicht weit entfernt ist das Adams Lake Reservat, wo Janice als Lehrerin tätig ist und die eigene Sprache unterrichtet. Wir nutzten ihre Mittagspause, um uns die Schule anzusehen und noch ein Interview mit Janice aufzunehmen. Leider mußte Janice dann zurück in den Unterricht, so dass wir allein mit Art nach Chase weiterfuhren, allerdings nicht auf direktem Weg, denn Art führte uns über unzählige Straßen quer durchs Reservat der Adams Lake und der Neskonlith, um uns einen Eindruck der Reservate zu vermitteln. Schmunzelnd erklärte er anschließend, er habe sich in Chase verfahren. Chase ist ein kleiner Ort mit einer Hauptstraße, wo scheinbar ohnehin jeder jeden kennt. Als Clou der Sache führte uns Art anschließend – mit einem schelmischen Grinsen – feierlich in die örtliche Bank, denn dort im Tresor liegt die Originalkarte des Shuswap-Reservats. Ich kam mir ein wenig wie in einem Thriller vor, als uns die Bankangestellte förmlich in den Tresorraum führte und uns im fensterlosen Raum diskret mit dem kostbaren Stück allein ließ.

Da sich aufgrund Arts Europareise einiges im Büro angesammelt hatte, fuhren wir als nächstes ins Neskonlith Band Office. Hier konnten wir spüren, welch großen Respekt Art als Chief genießt, und waren sehr beeindruckt von der freundlichen und professionellen Atmosphäre im Office. Wir konnten uns nicht verkneifen, über die manchmal chaotischen Verhältnisse in unserem eigenen Büro zu scherzen, die manches Klischee von "den" Indianern und "den" bürokratischen Deutschen ins Wanken bringen könnte. Art hatte noch einigen Bürokram zu erledigen, so dass ich mit Sarah, einer Shuswap-Elder, ein längeres Interview machte. Während die 78-jährige, die selbst stark im Widerstand engagiert ist, anfangs noch ein wenig zögerlich auf die Fragen antwortete, brachen die Worte kurz darauf geradezu aus ihr heraus. Unter Tränen erzählte sie von der Beziehung zu ihrem Land und der Notwendigkeit, das Land zu schützen und die eigene Kultur zu erhalten, doch die Regierung und die Konzerne des weißen Kanada hätten immer nur Elend über ihr Volk gebracht. Wiederholt betonte sie, wie wichtig ihnen die Unterstützung auch gerade aus Europa sei. Unser Beistand vermittle ihr das Gefühl, dass die Indianer nicht allein gelassen würden und ihre Situation nicht vergessen werde. Wir hatten gerade unser Interview beendet, als Art zum Aufbruch drängte.

Derweil wartete Beverly bereits mit dem Mittagessen (Lachs) auf uns, zu dem auch Sarah mit kam. Nachdem sich ihre Gemütslage nun wieder stabilisiert hatte, erzählte auch sie von ihren Erlebnissen in der Residential School und wie die Shuswap es trotz der Verbote immer wieder geschafft hatten, die Kultur und die Sprache zu erhalten. Sie erinnerte sich auch an Arts Vater, der sehr großes Ansehen bei den Shuswap als Chief genoß. Die Versuche, mit Sarahs Hilfe unsere Shuswap-Sprachkenntnisse zu erweitern, scheiterten allerdings an Zeitmangel, denn wir mußten nach Vancouver zurück. Zum Abschied erhielten wir auch noch Geschenke von Beverley und von Janice noch einen Beutel mit getrocknetem Lachs, von dem wir noch heute schwärmen. Jedem Vergleich mit dem geräucherten Lachs spottend, der hier bei uns in Supermärkten angeboten wird, ist der getrocknete Lachs eine wahre Delikatesse: fest und aromatisch, von intensivem Aroma und zudem haltbar. Ich könnte mich den Rest meines Lebens davon ernähren, welch ein Genuß!

Sarah, eine der Ältesten der Shuswap

Auf dem Rückweg, der uns auch durch Penticton führte, wo die Okanagan Band u.a. ein Bildungszentrum für indianische Autoren unterhält, legten wir noch einen Zwischenstop in Fort Langley ein, der Geburtsstätte der Provinz British Columbia, die inzwischen in ein Museum verwandelt wurde. Neben der Gründungsurkunde finden sich auch zeitgenössische Gemälde mit indianischen Szenen, etc.

Nachdem unser erster Aufenthalt in Vancouver nur sehr kurz gewesen war, galt es nun, einige touristische und kulturelle Sehenswürdigkeiten nachzuholen, darunter natürlich die Totempfähle in Stanley Park nebst kleinem Museumsshop. Aber der nächste Termin wartete schon: ein Interview mit dem Präsidenten der Union of British Columbia Indian Chiefs (UBCIC), Stewart Philipp, in dessen Büro in der Water Street. Wer schon mal in Vancouver war, hat sicherlich diese Straße schon durchschlendert, die im Gegensatz zu den äußeren Bezirken und den ärmlichen Straßen um Chinatown mit seinen unzähligen Arbeits- und Obdachlosen touristisch herausgeputzt ist. Angefangen von der kitschigen "Steamclock" bis zu den Souvenirläden wird hier ein Bild aufgebaut, das ein wenig an Disney World erinnert. Anleihen an die Putzigkeit englischer Kleinstädte werden allenfalls durch die Kaffeeketten, allen voran natürlich die Starbucks-Läden, durchbrochen. Doch die Illusion täuscht, denn Vancouver ist auch Anlaufstelle Vieler, die an den sozialen Rand gedrängt werden und nicht ins kanadisch saubere Bild passen wollen. Die Armut zeigt sich, sobald man die glitzernden Einkaufsstrassen um die Robson Street verlassen hat. Wie in anderen Städten zählen viele Indianer zu den Verdrängten, denen die kanadische Gesellschaft keine Chance gegeben hat und deren Existenz lieber aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt wird. Die UBCIC unterhält daher auch Programme, die sich mit der sozialen Lage der Indianer in den Städten befasst und die sozialen Brennpunkte – Arbeitslosigkeit, Drogen, Alkohol, mangelnde Bildung oder kulturelle Entwurzelung – entschärfen will.

Stewart Philipp ist ein freundlicher, zurückhaltender und gleichwohl entschlossener Mensch. In unserem Gespräch verwies er auf die soziale Zeitbombe, die in vielen indianischen Gemeinden tickt. Die indianische Bevölkerung wächst rasch an, doch Ausbildung und Arbeit sind auch in den indianischen Gemeinden Mangelware. Zudem empfinden viele Jugendliche die anhaltende Diskriminierung sehr stark und wünschen sich von den Älteren in den Stammesregierungen mehr Entschlossenheit und Durchsetzungskraft, so dass sich Wut und Enttäuschung aufstauen und rasch explodieren können. In den Medien werden ihnen täglich die Konsumgüter der westlichen Welt vorgeführt, die ihnen vorenthalten werden. Auch sie möchten, wer könnte es ihnen verdenken, nicht nur eine kärgliche Überlebensbasis, sondern ein paar Annehmlichkeiten – eine Wohnung, ein Auto etc. Gerade durch die verstärkte Vernetzung mittels Internet und Medien müssen sie täglich erfahren, dass man sie immer noch quasi mit Glasperlen abspeist, während die Konzerne ihre Bodenschätze stehlen und ihr Land verseuchen. Die Regierung behandelt sie weiterhin wir unmündige Kinder, und die Gesellschaft nimmt sie entweder als putzige Relikte vermeintlich untergegangener Kulturen oder als undankbare Krawallmacher oder versoffene Randexistenzen wahr. Stewart betrachtet die Situation keineswegs aus einer engen Perspektive der eigenen indianischen Herkunft oder nur seiner Position als UBCIC-Chef, sondern kennt die globalen Zusammenhänge und Strukturen sehr genau. Mit analytischem Blick beobachtet er die weltweiten Entwicklungen und Problemfelder, von denen die Situation in British Columbia nur eines ist. Ungeachtet der weitreichenden internationalen Zusammenarbeit galt jedoch sein augenblickliches Aktionsfeld dem "Treaty Referendum" der Provinzregierung (siehe Artikel im Heft). Auch im UBCIC-Büro stehen "Wahlurnen", in denen die Wahlzettel "entsorgt" werden können. Dem Aufruf zum Boykott des Referendums haben sich viele Chiefs und Bands angeschlossen, aber auch kanadische Organisationen.

Stewart Philipp

Nachdem wir noch beim Canadian Wilderness Comittee vorbei geschaut hatten, das die Indianer im Kampf gegen den Kahlschlag z.B. am Clayoquot Sound oder in Melvin Creek unterstützt, besuchten wir die Hills Native Art Gallery, die über Vancouver hinaus Bekanntheit genießt, denn hier werden garantiert originale indianische Kunst und Kunsthandwerk verkauft. Unter den ausgestellten Stücken finden sich ausgesprochene Kostbarkeiten: Masken, Gemälde, typische Haida-Kisten etc.

Unser nächster Stop hieß Whistler. Der Skiort ist – anders als Sun Peaks – bereits voll ausgebaut und bewirbt sich um die Olympiade für 2010. Da es sich hier um die gleichen Investoren – z.B. Delta Hotels – handelt, die auch Sun Peaks betreiben, haben indianische Gruppen zum Boykott der Olympia-Kandidatur aufgerufen. Ein wenig skurril mutet der Ort schon an mit seinen "Alpenhäuschen" und den Dächern, die extra so gestaltet sind, dass sie den Eindruck erwecken, als seien sie stets schneebedeckt. Während wir uns in der Sonne einem Kaffee hingaben, begegneten uns vor allem Snowboarder, die den Anliegen der Indianer allerdings wenig Aufmerksamkeit schenken. Auch die Angestellte im Olympia-Bewerbungsbüro wollte sich zu den indianischen Protesten nicht äußern.

Wenig begeistert verließen wir den Ort Richtung Lilloet. Vorbei an prachtvoller Natur – der Cayoosh-Creek vermittelt die Impression unberührter, ja fast mystischer Schönheit – gelangten wir zum Sutikalh-Camp am Melvin Creek, das gerade sein zweijähriges Widerstandsjubiläum feiern konnte. Auch hier trafen wir auf einen Skaheesh (Greezly), allerdings diesmal in Form eines Hundes dieses Namens. Herzlichst wurden wir von den Bewohnern des Camps empfangen. Die Stl’atl‘imx-Indianern Chrisya lud uns sogleich ins wärmende Innere der an den Hang gebauten Hütte ein, wo uns Robin, ein Gitksan, einen köstlichen Kaffee servierte. Wir fühlten uns sofort am glimmenden Feuer behaglich und tauschten uns in langen Gesprächen über die aktuelle Situation und die weiteren Entwicklungen aus. Auch hier fiel auf, dass die Indianer längst die Beschränkung auf die eigene Lage hinter sich gelassen haben und in Globalisierungszusammenhängen denken, in deren Zentrum die Überwindung des kapitalistischen Gewinnstrebens durch eine verantwortungsvolle Solidarität steht, die allen unterdrückten Völkern den Weg in eine menschenwürdige Zukunft öffnen soll. Dank des entschlossenen Protests ist es bislang gelungen, die Planungen für ein weiteres Skizentrum in Melvin Creek zu verhindern. Das Camp wird von vielen Indianern verschiedener Bands unterstützt, welche die Camp-Bewohner mit Brennholz und Lebensmitteln versorgen, u.a. Lachs. Kaum hatte ich von dem herrlichen getrockneten Lachs geschwärmt, den uns Janice mit auf den Weg gegeben hatte, drückte mir Chrisya schon einen neuen Beutel mit Lachs in die Hand, von dem wir während unser gesamten Reise noch zehren sollten. Wir wären gerne gleich ein paar Wochen geblieben, doch mußten wir nach Lilloet weiter, um am nächsten Tag am Stat’imc Gathering teilzunehmen.

Lilloet war einst eine Boomtown des Goldrausches und galt 1860 mit stattlichen 20.000 Einwohner als zweitgrößte Stadt des Westens. Übrig geblieben ist davon nur noch ein verschlafenes Nest mit einer Tankstelle, einer Post und drei Kneipen für die paar Hundert Einwohner, sowie einer deutschen Bäckerei. Wie uns allerdings Chief Gary John erzählte, ist die Betreiberin eine entschiedene Befürworterin von Sun Peaks. Leider konnten wir ihr weder unsere Sicht erläutern, noch ein paar Coyote in die Hand drücken, da der Laden ausgerechnet an diesem Tag geschlossen war. Die Zeit drängte ohnehin schon wieder, da wir nach Seton Lake weiter wollten, denn Gary hatte uns zum jährlichen Treffen der Stat’imc eingeladen. Nach der üppigen Waldregion am Melvin Creek führte uns der Weg mehr über Pisten als Strassen nun in eine völlig veränderte Landschaft, die von Trockenheit und Sonne geprägt ist. Wir kamen gerade rechtzeitig zu Eröffnung und waren ein wenig peinlich berührt, dass uns Gary in überschwenglichen, lobpreisenden Worten als herausragende internationale Unterstützer vorstellte. Wir waren froh, dass sich die Aufmerksamkeit dann erst einmal den Tänzen und Gesängen zuwandte, bevor die Schulaula zum Mittagessen gerüstet wurde. Wir sprachen mit Gary auch über das Treaty Referendum, das allerdings die Stat’imc nicht direkt betrifft, da sie nicht in die Vertragsverhandlungen involviert sind. Dennoch unterstützen sie den Boykott gegen das Referendum und den Höhepunkt des Tages bildete denn auch das "Ballot Burning", das Verbrennen der Wahlzettel, das von Ansprachen und Trommelklängen begleitet wurde.

Besonders erfreulich war insbesondere die Beteiligung vieler Jugendlicher an dem Treffen, was nicht allein damit zusammenhing, dass die Versammlung auf dem Schulgelände in Seton Lake stattfand. Wie Gary erläuterte, ist dies beispielhaft für die jüngsten Entwicklungen, denn inzwischen zeigt sich eine Reaktivierung des indianischen Widerstands unter den Jüngeren. Verstärkt werden sie in die Fortführung der überlieferten Traditionen eingebunden, z.B. wird auf dem Schulhof gerade ein traditionelles Winterhaus von den Jugendlichen aufgebaut, das ihnen ein konkreteres Verständnis für die eigene Kultur vermitteln soll. Auch in den politischen Bereich sollen sie frühzeitig eingebunden und sich ihrer Verantwortung für den Erhalt der eigenen Lebensweise bewußt werden. Die Einbeziehung in die Gemeinschaft und Unterweisung durch die Ältesten ist auch nötig, um den Jugendlichen zu zeigen, die eigene Aggressivität und Wut auf das weiße Kanada zu verarbeiten. Wie zuvor Stewart in unserem Gespräch, sieht auch Gary hier wachsende Probleme, die rechtzeitig entschärft werden müssen. Die Jugendlichen müssen ihren eigenen Weg zwischen Tradition und Moderne finden, sie müssen lernen, sich in beiden Welten zu behaupten. Zumindest mein knallrot gefärbtes Haar gefiel ihnen, da gab es keine Probleme zwischen den Kulturen.

Nach Tagen des intensiven Austauschs stand uns noch ein landschaftlicher Leckerbissen bevor: Vancouver Island. Von Horseshoe Bay aus konnten wir an Deck der Fähre die Sonne und die malerische Atmosphäre genießen. Ein wenig Wärme und Sonne begleiteten uns über die Qualicum Falls und die beeindruckenden Baumriesen von Cathedral Grove nach Tofino. Nach einem Besuch im Himwitsa House und der Vickers Gallery (siehe Artikel im Heft) war unser eigentliches Ziel, uns von Tofino aus mittels eines Wasserflugzeugs einen Eindruck vom Kahlschlag am Clayoquot Sound, aber auch die Fischfarmen (vgl. Ahousat-Artikel im Coyote 1/02) zu verschaffen. Die Angestellte im Flugbüro war sehr überrascht, als wir ihr erklärten, ausgerechnet die Naturwunden sehen zu wollen, aber auch beeindruckt, dass sich Leute in Europa um die kanadische Umwelt sorgen. Witzigerweise stellte sich dann heraus, dass unser Pilot aus Österreich stammte. Schwerlich konnten wir uns zuvor den Kontrast ausmalen, der uns erwartete. Gleich neben einer atemberaubenden Küstenlandschaft finden sich klaffende Kahlschlagsgebiete riesigen Ausmaßes, die verdeutlichen, wie notwendig jeder Protest gegen diese Politik und wie wichtig die Unterstützung des indianischen Widerstandes ist. Natürlich versucht die Holzindustrie, die Auswirkungen zu verschleiern, indem man eine äußere Reihe von Bäumen stehen läßt, die dem Touristen die Sicht auf die Zerstörung verwehren soll. Stolz wirbt man mit den Gewinnen der Ausbeutung und Verwüstung – "Proud to be a logger" – und verweist auf die Holzfällertradition. Die Kahlschlagsfirmen wie Weyerhaeuser freuen über diese Einstellung, die nicht nur in Kanada, sondern auch den USA anzutreffen ist, wie wir auf unser Fahrt durch die USA erneut feststellen konnten.

Duncan – "Stadt der Totempfähle" – wirbt mit der einmaligen Zahl von 66 Totems. Dem Kulturerhalt dient diese Superlative allerdings nicht, denn die Totems sind völlig lieblos aufgestellt und die Indianer versammeln sich lieber in der Bingo Hall. Nach unseren Treffen mit verschiedenen Indianern wollten wir nun in Victoria die Vertreter der Gegenseite aufsuchen. W.R. Mottershead, der Sprecher von Land and Water British Columbia Inc. (früher: BCAL, British Columbia Lands and Assets), einer Regierungsorganisation, die "öffentliches" Land an Investoren bringen will, versuchte auf typisch kanadische Art zu beschwichtigen. Alles sei legal, und selbst Sun Peaks versuche man doch nur im Einvernehmen mit den Indianern zu verwirklichen, die ja in Form von Einnahmen und Jobs von der Wirtschaftsentwicklung profitieren würden. Sehr diplomatisch verwies er zudem auf andere Regierungsstellen, welche die eigentlichen Verantwortlichen seien, schließlich setzte er nur Regierungsbeschlüsse um. Dies Verhalten paßt zur Stadt Victoria, deren herausgeputztes Parlament nachts wie eine Disney-World-Erfindung mit Tausenden Glühbirnen erstrahlt. Das einzig wirklich sehenswerte in Victoria ist das Museum of British Columbia, das sehr liebevoll und informativ gestaltet ist. Nachdem sich die weiteren Gesprächspartner von Regierungsseite mit plötzlichen Terminschwierigkeiten entschuldigten, waren wir froh, diesen langweiligen Ort wieder verlassen zu können.

Nach einem letzten Zwischenstop in Vancouver, wo wir unseren Campingwagen zurückgaben, fuhren wir mit dem Greyhound nach Seattle, was weiter nicht erwähnenswert wäre, gäbe es da nicht die Grenze zwischen Kanada und den USA. Hier konnten wir erfahren, wie sich die Amerikaner Sicherheit nach dem 11.09. vorstellen. Geradezu schikanös mußten alle Businsassen aussteigen, jedes einzelne Gepäck mit schleppen, genau erläutern, weshalb man in die USA fahre und sich abchecken lassen. Allein die früher beliebte Frage "Are you or have you ever been ..." nach einer kommunistischen oder terroristischen Zugehörigkeit war wohl selbst ihnen zu blöd. Aber nur keine Scherze, wenn man noch am gleichen Tag weiter wollte, denn hinsichtlich ihrer Sicherheit verstehen die Amerikaner keinen Spaß mehr.

Für die nervige Fragerei wurden wir jedoch bald zigfach durch den Anblick von Neah Bay und Cape Flattery bei den Makah entlohnt. Wir hatten nur das "Pech", dass ausgerechnet die Sonne schien, denn zu den mächtigen Felsformationen im tosenden Pazifik paßt ein wolkenverhangener Regenhimmel, der die mystische Atmosphäre des Ortes untermalt, viel besser. Man sollte sich dieses grandiose Naturschauspiel keinesfalls entgehen lassen, will man die Kultur der Makah und die Beziehung zu diesem westlichsten Ausläufer der USA verstehen. In Neah Bay selbst lohnt der Besuch des Makah-Museum, in dem sich viele kostbare Funde aus dem wiederentdeckten Ozette befinden und das sehr sorgfältig gestaltet ist. Die Makah selbst gaben den Auftrag zu diesem Museum, um die alten Schätze zu bewahren und der heutigen Ausübung der Tradition zu öffnen. Leider waren gerade unsere Ansprechpartner zum einen bei einem Gerichtsverfahren in Seattle, zum anderen bei der Walfangkonferenz in Japan, die just zum Zeitpunkt unseres Besuchs die rechte der Makah auf Walfang bestätigte (siehe Artikel im Heft). Die Museumsdirektorin, Janine Bowechop, jedoch nahm sich extra Zeit für uns, um uns durchs Museum zu führen und die heutige Situation bei den Makah zu erläutern. Natürlich sprachen wir auch das Thema Walfang an. Janine – die übrigens deutliche Züge der weiblichen Protagonistin in Antje Babendererdes Roman "Der Walfänger" trägt (siehe Artikel im Heft) – erzählte von der großen Bedeutung der Wiederaufnahme der Waljagd für die Kultur und vor allem den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde. Wie ein Neuanfang wurde die erste Waljagd 1999 empfunden, die den Makah Identität und Würde zurückgab; das heutige Leben der Makah sei ohne die Wiederbelebung dieser alten Tradition nicht denkbar. Ein Stück Vergangenheit begegnete uns auch im Restaurant "Makah Maiden", denn die jetzige Besitzerin ist die Enkelin eines Makah-Mädchens, das unter diesem Titel von Edward S. Curtis photographiert wurde, und die Ähnlichkeit der Enkelin mit der Großmutter ist in der Tat nicht zu übersehen.

Entlang der wundervollen Pazifikküste führte uns der Weg nach San Francisco bzw. zum De Anza College, das zum jährlichen Pow Wow lud. Der strahlende Sonnenschein unterstrich die Farbenpracht der Kostüme der Trommler und Tänzer, die sich auf dem Campus-Gelände versammelten, darunter natürlich auch viele Kinder. Wie üblich gruppierten sich um den Tanzplatz Stände mit indianischem Kunsthandwerk, allerdings kaum politische Organisationen. Lediglich ein Stand zum Indian Health Service und zur Unterstützung von Leonard Peltier waren vertreten. Insbesondere bei letzterem kamen wir sofort ins Gespräch, hatten wir doch erst mit der Verlosung der Dreamcatcher-Kette (siehe Coyote 1/02) eine beträchtliche Summe zur Finanzierung seiner Prozesse und Anwälte erzielen können. Erwartungsgemäß hatten sich auch einige Möchtegern-Indianer eingefunden, die den "Indianer in sich" demonstrieren wollten. Leider sind diese meist irgendwann im 19. Jahrhundert stehen geblieben und meinen noch heute, die Indianer hätten Angst, man würde mit einem Photo ihre Seele einsperren. Die Indianer selbst sind da schon weiter, und Sarah, die Nichte von Navajo-Sprecher Kee Watchman, konnte über solche Vorstellungen nur herzlich lachen.

Leider erging es uns hier, wie überall auf unserer Reise: wir hatten zu wenig Zeit und wären doch gerne an jedem Fleck ein paar Monate geblieben. Ein letzter Bissen Lachs mußte uns genügen.

Von Monika Seiller

 
 

Home